Bordeaux-Wein - Der Jahrgang 2010

Falls Sie sich über den Wein-Jahrgang 2010 detailliert informieren möchten, empfehle wir Ihnen im Online-Weinmagazin Wine-Times den Artikel von John U. Salvi, einem in Bordeaux lebenden Master of Wine, dessen Ausführungen wir schon im vorigen Jahr unserer 2009er Weinempfehlung zugrundelegten. Salvi nennt fünf Gründe, warum die 2010er roten Bordeaux-Weine bei vielen Winzern so großartig gelungen sind:
1. 2010 war ein extrem trockenes Jahr (Vor der Lese war der Niederschlag des Gesamtjahres fast 43% geringer als der langjährige Durchschnitt für diese Zeit – etwa so hoch wie 2005, aber zu anderen Zeitpunkten.) Wegen des trockenen Sommers konnten sich die Trauben absolut gesund, d. h. ohne Mehltau und andere Pilzgefahren entwickeln und Parzelle für Parzelle jeweils ohne Stress zum günstigsten Reifezeitpunkt gelesen werden.
2. Der Grund, warum sich die komplexen Aromen und Geschmacksnuancen so perfekt entwickelten, ist aber, dass die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht in den Monaten August bis September und bis in den Oktober hinein so groß wie selten waren. In St. Emilion betrug dieser Unterschied während des gesamten Sommers 14°. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass wegen der Wetterbedingungen das Ende des Traubenwachstums und damit der Beginn der Véraison sehr früh lag, weshalb ein exzellentes Säureniveau und damit ein hervorragendes Gleichgewicht der Weine erhalten werden konnte.
3. Heutzutage sind alle größeren Betriebe technisch optimal ausgestattet und können nicht nur die Gärtemperatur bestens kontrollieren, sondern auch die Maische mit perfekten Anlagen immer auf der jeweils richtigen Temperatur halten und mit Sauerstoff versorgen. (Wer in die Cuverie von Châteaux wie Cos d’Estournel kommt, sollte also nicht glauben, dass die dort installierte großartige Edelstahl-Technik nur reiner Luxus ist.)
4. Die größten Weine werden nicht in den heißesten Jahren hervorgebracht, sondern in den trockensten, wie der Vergleich mit dem ultraheißen Jahr 2003 zeigt. 2010 gab es keine vertrockneten oder verbrannten Beeren.
5. Schließlich der fünfte Hauptgrund für die überragende Qualität von 2010 war die Tatsache, dass die Beeren so klein (eine natürliche Folge der Trockenheit) und dass die Beerenhäute so dick waren. „Das ist gut für die Komplexität, Tiefe und Farbe, aber es demonstriert auch den Nachteil des Jahrgangs: Es ist ein mengenmäßig kleiner Jahrgang.“
Wie gesagt war das Säureniveau aller Weine perfekt, was im Jahr zuvor bei den trockenen Weißweinen nicht immer der Fall war, weshalb den weißen 2009ern Weinen manchmal die lebendige Frische der 2010er fehlt. Was die Süßweine betrifft, so befürchteten die Winzer schon im September wegen der Trockenheit das Ausbleiben der Botrytis, aber gerade noch rechtzeitig regnete es vom 21. – 24. September 10,4 mm. Der Regen ließ die Botrytis überall ausbrechen und erlaubte die Lese von wunderbar botrytisgereiften Trauben. Rieussec und andere lasen sogar absichtlich einen Teil unbotrytisierten Trauben, um das Säureniveau noch zu heben.
Alle oben gemachten Angaben über den Jahrgang betreffen nur die besseren, erfolgreichen Châteaux. Zweifelsohne gibt es auch in diesem Jahr nicht so erfolgreiche, wenn die Verantwortlichen Fehler gemacht haben oder nicht die perfekte Ausrüstung besaßen, die in Bordeaux heute auf den größeren Châteaux beinahe überall Standard sind.
Salvi beschreibt zwar in seinem Jahrgangs-Report die (überaus günstigen) Bedingungen, unter denen die 2010er Trauben entstanden, aber er beschreibt nicht die Weine selbst, die daraus gemacht wurden, also den „Jahrgang“ von dem Moment an, wo es weniger auf die Natur als auf den Menschen ankam. Das Problem bei 2010 war nämlich, dass die Trauben so gut waren, wie sie die Winzer bisher kaum erlebt haben. Das Traubengut war zwar nicht überreif, aber die Maische hatte einen sehr hohen Alkoholgehalt, insbesondere die der Merlot-Trauben. Deshalb versuchten viele Winzer diesem Ungleichgewicht dadurch zu begegnen, dass sie die Extraktion ausweiteten, und deshalb war die Primeurs-Degustation für die Verkoster oft eine wahre Strapaze. Aber wie Christian Moueix sagt, war 2010 ein Jahrgang, der „under-extraction“ und nicht „over-extraction“ erforderte, um nicht zuviel der Tannine aus dem Traubengut zu ziehen. Selbst wenn Sie diese Weine erst in zehn Jahren probieren, werden Sie sie unter Umständen noch oft als noch zu jung einstufen.

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